Sonntag, 12. November 2017

Frederic Brake über Bernhard Giersches Lesung vom letzten Sonntag...

Noch immer gibt es Rückmeldungen zu Bernhards Lesung am letzten Sonntag. Ich zitiere Frederic Brake der den Text unten vor wenigen Minuten bei Facebook gepostet hat: 

"Selten hat mich eine Lesung emotional so angefasst, wie die Lesung von Bernhard Giersche am 05.11.2017. Das lag weniger am Thema - dazu schreibt Bernhard zu intensiv und in ungeheuer Respekt abverlangenden Weise täglich darüber - sondern an zwei Dingen. Zum einen fielen mir einige Episoden aus der Vergangenheit ein, die mit dem Vorleserischen Bernhards verknüpft sind. Zum anderen komme ich später. Bereits zu Beginn der Lesung erinnerte ich mich daran, als Bernhard Ben E. Black, D.J. Franzen und mich - wir arbeiteten damals gemeinsam an der Armageddon-Serie- um feedback zu seiner Art Vorzulesen gefragt hatte. Das war lange vor Karl, dem Roman und noch länger vor Karl, dem Karzinom.Ich zog unwillkürlich den Vergleich zu den späteren Lesungen Bernhards und den Gelegenheiten, wenn wir zusammen auf der virtuellen Bühne gestanden hatte. Welch großes schauspielrische Talent sich im Laufe der Zeit entwickelt hatte und welches Vergnügen es gemacht hatte, ihm zuzuhören oder mit ihm schauzuspielen. Und ich hörte bewegt und mit Bewunderung, mit welcher Kraft Bernhard am 05.11. las, obwohl Karl, das Karzinom, ihn schwer beutelt. Das hat mich sehr berührt, ebenso Bernhards Offenheit und Bereitschaft, die Tabus Krebs und Sterben zu brechen. Das Thorsten Küper ebenfalls vorlas, machte es emotional nicht besser. Ich kann mir vorstellen, wie viel Beherrschung das Thorsten gekostet haben mag. Das ich nicht alleine mit meinen durchgequirlten Emotionen war, zeigte zum einen der Chat, der mitlief, zum anderen Buk-Toms kurze, dafür aber sehr gefühlsintensive Wortmeldung. Auch das Bühnenbild - das Photo machte ich kurz nach der Lesung - entstand auf Bernhards Wunsch. Und es zeigt viel von seiner Geisteshaltung. Der allgegenwärtige Tod, den er trotz allem mit Humor betrachtet, den Krebs, den er ernst nimmt, aber dem er sich nicht beugen will. Ich kann mir gut vorstellen, dass Bernhard dem Gevatter, wenn es denn einmal so weit ist, den Arm um die Schulter legt, die Sense aus der Hand nimmt und ihm zuraunt: Alter, du brauchst mal Urlaub. Du siehst ziemlich fertig aus. Oder so ähnlich. Und es zeigt, dass Bernhard sich keinen Illusionen hingibt, war sein Avatar doch im Rollstuhl. Die Krebse zwickten übrigens, wenn man auf sie trat. Bernhard kämpft gegen Karl, mit allen Fasern seines Körpers, weiß aber auch, dass die Siegeschancen ziemlich mager sind. Trotzdem macht er sich öffentlich nackig, schreibt weiter Facebookeinträge und Zeitungskolumnen. Weil er seinem Kampf Sinn geben will. Und das tut er, manchmal mit schmerzhafter Intensität, niemals aber seicht und immer emotional berührend. Was mich zum Zweiten bringt, dass mich emotional ziemlich gepackt hat. Und wenn Bernhard nicht selber genau das thematisieren würde, würde ich hier nicht darüber schreiben. Die Rede ist davon, und das Verstehen traf mich nach der Verabschiedung, dass ich Bernhard möglicherweise zum letzten Mal live gehört habe. Wahrlich, ein Abend, der lange im Gedächtnis bleiben wird."

Die Aufzeichnung der virtuellen Lesung ist bei Youtube mittlerweile mehr als 1200mal aufgerufen worden. Der Realmitschnitt in Bernhards Wohnzimmer immerhin rund 350 mal. 

 

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